Wenn Spielen Zur Sucht wird - Powerplay 5/2005

SH|McPain
Folgender Artikel erschien in der Powerplay vom Mai 2005 - Scanner und Texterkennung sei Dank - kann man sowas jetzt ja mittlerweile ganz einfach veröffentlichen smile

Es folgt ein, wie ich finde, sehr interessanter Ansatz - der leider nur zu wenig an der Oberfläche der Realität kratzt:

Zitat:

WENN SPIELEN ZUR SUCHT WIRD

Machen Online-Spiele abhängig? In den USA wird diese Frage schon seit einigen Jahren diskutiert, in Deutschland ist sie spätestens nach dem Erfolg von World of WarCraft aktuell. Wir haben mit jenen gesprochen, die es am Besten wissen müssen - Spielern, bei denen die Online-Welt zur Realität wurde.

»Ich bin süchtig«, sagt Toby. Sein Ton ist beiläufig, aber man merkt, dass es ihm peinlich ist. Er spielt Everquest 2, während wir uns unterhalten. »Aber ich will nicht, dass du mich deshalb für einen Trottel hältst, okay?« Toby ist 23 und arbeitet als Lagerverwalter bei einem Versandhändler von Tiernahrung. Er hasst den Job, aber er braucht das Geld. Kontakt zu seinen Kollegen hat er nicht. Am Anfang haben sie ihn ein paar Mal gefragt, ob er nach der Arbeit mit auf ein Bier kommt, aber Toby hatte immer eine Ausrede parat. Inzwischen fragen sie nicht mehr. »Sie denken, dass ich abends zu meiner Freundin fahre. Das ist zwar gelogen, aber wenigstens denken sie nicht, dass ich ein Spinner bin.«

Gilden als Familen-Ersatz

Wie die meisten Süchtigen ist er ein ausgezeichneter Schauspieler. Seine Kollegen sollen nicht wissen, dass er sich vor den PC setzt, wenn er nach Hause kommt. Sie sollen nicht erfahren, dass er seine gesamte Freizeit mit Everquest verbringt. »Das würden sie nicht verstehen«, sagt er. »Das versteht man nur, wenn man es selbst gespielt hat.« Ob er auch mal ausgeht, frage ich ihn. Ins Kino, in die Kneipe. Er denkt lange nach. »Mit wem denn?«, fragt er schließlich. »Get a life!«, hat ihm ein kanadischer Everquest-Spieler mal geraten - besorg' dir ein Leben! »Aber ich habe ein Leben. Es gefällt mir. Die meisten Menschen glauben, dass Leute wie ich einsam sind, aber das stimmt nicht. Ich habe viele Freunde in meiner Gilde.«

Wenn Toby spielt, fühlt er sich geborgen. Zugehörig. Gebraucht. Die jüngeren Mitglieder seiner Gilde schauen zu ihm auf. Sie wenden sich an ihn, wenn sie Fragen oder Probleme haben. Man legt Wert auf seine Meinung, sein Wort hat Gewicht. Er ist jemand. Hier schnauzt ihn niemand an, weil er eine Palette Hundefutter falsch verbucht hat. Toby spielt acht Stunden täglich, jeden Tag. Am Wochenende sind es manchmal zwölf oder dreizehn Stunden. »Das ist normal bei uns in der Gilde«, sagt er. »Fast alle machen das so.«

Teufelskreis der Spielmechanik

Moderne Online-Rollenspiele wie Everquest 2 und World of WarCraft legen zwar viel Wert darauf, dass man auch erfolgreich sein kann, wenn man nur zwei oder drei Stunden pro Tag investiert, »aber so gut wie jeder spielt viel länger. Sonst kommst du nicht weiter. Wenn ich eine Woche lang nicht spiele, sind meine Freunde locker fünf Level weiter als ich. Wie soll ich das wieder aufholen?« Die zwischenmenschliche Komponente macht Online-Rollenspiele erst interessant, wird aber auch schnell zum Teufelskreis. Man muss spielen, wenn man nicht hinterherhinken will.

»An manchen Tagen logge ich mich nur ein, damit meine Freunde nicht auf mich warten müssen«, sagt Toby. Bevor ich etwas erwidern kann, fügt er eilig hinzu: »Ich weiß, dass sich das völlig bescheuert anhört.«

Die besten Gilden (von den Spielern auch »Uber-Gilden« genannt) stellen häufig spezifische Stundenanforderungen an ihre Mitglieder. Wer zu wenig spielt, fliegt raus. Das ist nicht etwa Schikane, sondern eine pragmatische Überlegung. Die stärksten Monster des Spiels sind nur mit mehreren Gruppen - einer so genannten Raid -zu knacken. Und es ist schlichtweg unmöglich, eine solche Raid zu organisieren, wenn jeder online geht, wann er Lust dazu hat.

In der Tretmühle gefangen

Damit es Spielern wie Toby nicht langweilig wird, schieben die Hersteller in regelmäßigen Intervallen Erweiterungen mit neuen Quests, Gegenständen und Monstern nach. »Eigentlich sind wir wie Pferde, denen der Reiter eine Karotte vor die Nase hält«, sagt Toby und grinst. »Wir laufen und laufen und erreichen nie das Ziel.« Was er denn machen würde, wenn er es doch irgendwann schafft, will ich wissen. Wenn er den Maximallevel erreicht und alles gesehen hat. »Einen neuen Charakter anfangen«, antwortet er ohne zu zögern.

Das Ausmaß, in dem Online-Rollenspiele das Leben der Spieler beeinflussen können, zeigt ein anderer Fall. Dennis ist vor einigen Tagen 22 geworden, studiert in New Jersey und will später Jurist werden, »Anwalt oder Richter oder so.« An seinen Kursen nimmt er allerdings nur noch sporadisch teil. Er zockt lieber World of WarCraft und erzählt seinen Eltern, dass er kurz vor dem Abschluss stehe.

Geliebt und Geächtet

»Ich weiß, dass ich nicht ewig so weitermachen kann«, sagt Dennis. »Aber früher war's noch schlimmer.« Er hält kurz inne, und dann erzählt er von jenem Tag, an dem er kurz davor stand, sich das Leben zu nehmen. Damals war er Mitglied in einer starken Everquest-Gilde, »einer der besten auf dem Server«, wie er sagt. Seine Freunde schätzten ihn als netten, hilfsbereiten Spieler; er war beliebt und anerkannt. »Und dann hab ich Scheiße gebaut. Ninja-Looting.«

Ninja-Looting bedeutet, dass Dennis während einer Raid, an der auch befreundete Gilden teilgenommen hatten, einen Gegenstand einsammelte, den er nicht hätte einsammeln dürfen. Bei einer solchen Raid existieren strenge Regeln innerhalb der Community -gerade die besonders seltenen Gegenstände werden ausschließlich per Losverfahren verteilt, um die Chancengleichheit aller Beteiligten zu wahren. Nicht selten gehen Spieler dabei nach sieben oder acht Stunden leer aus. Wer dennoch auf den Moralkodex pfeift und munter einsackt, der wird von seinen Mitspielern schnell geächtet.

»Das ist so ziemlich das Schlimmste, was man machen kann«, erklärt Dennis. »Die anderen Spieler hassen einen dafür.« Er stockt kurz, bevor er weiterspricht. »Ich weiß immer noch nicht, was in mich gefahren ist. Kurzschluss.«

Das Extrem: Selbstmord

Nach diesem Vorfall brach alles zusammen, was er sich in zwei Jahren Everquest erarbeitet hatte. Sein Name tauchte in einschlägigen Foren auf, in denen andere Spieler barsch über ihn herzogen. Seine Gilde warf ihn raus. Seine Freunde ignorierten ihn. »Wenn du erst mal einen schlechten Ruf hast, bist du am Arsch. Dann will niemand mehr was mit dir zu tun haben. Es dauert nicht lange, bis der halbe Server weiß, was du gemacht hast.« Dennis spielte mit dem Gedanken an Selbstmord.

»Ernsthaft«, wie er sagt. »Die Leute halten dich für bekloppt, wenn du ihnen das sagst. Die haben gar keine Ahnung, wie ernst so was sein kann. Stell' dir vor, du verlierst morgen deine Familie und deine ganzen Freunde, und auf der Straße drehen sich alle Leute um, wenn sie dich sehen.« Er kündigte schließlich seinen Account und legte eine Pause ein. Bis zu World of WarCraft. »Die meisten Junkies haben einen Rückfall, stimmt's?«, fragt er und lacht. Es klingt unsicher.

Im Jahr 2002 sorgte der Selbstmord eines 21 -jährigen Everquest-Spielers in den Vereinigten Staaten für Aufsehen. Shawn Woolley erschoss sich vor seinem Computer. Auf dem Schirm: Everquest. Die Mutter des Verstorbenen machte daraufhin Sony Online Entertainment für den Tod ihres Sohnes verantwortlich.

»Wenn sich jemand vor einem Spiel erschießt, dann will er damit etwas sagen. Man setzt sich nicht vor ein Spiel und erschießt sich, wenn es nichts damit zu tun hat.« John Smedley, Präsident von Sony Online, wies die Vorwürfe zurück:

»Es [das Spiel] ist Unterhaltung. Ist ein Buch gefährlich? Ist eine Femsehshow gefährlich? Ich denke, die Antwort lautet nein. Die Menschen müssen Verantwortung übernehmen und sagen, hey, jetzt ist es genug. Genug ist genug. Es ist ein Spiel.«

Ende März erstach in China ein Online-Spieler seinen Bekannten, nachdem dieser sein Schwert aus dem Spiel Legend of Mir 3 für umgerechnet 870 US-Dollar verkauft hatte.

Für Spieler ist das Thema Sucht tabu

Fördern Online-Spiele eine Abhängigkeit und damit im Extremfall auch Selbstmorde und Gewalttaten? »Man muss zwischen Symptom und Ursache unterscheiden«, sagt Toby. »Ich glaube nicht, dass ein Spiel schuld daran ist, dass ich süchtig danach bin. Vielleicht bin ich einfach jemand, der so veranlagt ist. Würde ich nicht Everquest spielen, wäre ich wahrscheinlich vom Chatten abhängig, oder von Blackjack, oder von Gute Zeiten, Schlechte Zeiten. Schuld ist nicht das Spiel, sondern ich selbst.«

Sucht ist in Spielerkreisen ein Tabuthema. »Wir reißen dauernd Witze über Evercrack«, erzählt Toby.

»Aber eigentlich reden wir nie ernsthaft darüber. Das ist Privatsache. Das muss jeder selbst wissen.« Sämtliche Spieler, mit denen ich spreche, wollen nicht, dass ich die Namen ihrer Spielcharaktere nenne. »Am Ende denkt noch jemand, dass er mich bemitleiden müsste oder so«, bekomme ich gleich zweimal als Antwort.

Toby ist dann auch der einzige, der offen ausspricht, dass er süchtig ist. »Niemand gibt so was gerne zu«, sagt er. »Die meisten haben Angst, dass man sie für Lachfiguren hält, die vor dem PC hocken, keine Freunde haben und nur <cool> und <lol> sagen können.«

Dabei trifft dieses Klischee auf niemanden zu, mit dem ich spreche. Toby und Dennis sind intelligent. Sie haben Humor. Es macht Spaß, sich mit ihnen zu unterhalten. Und sie sind ehrlich, zu mir, aber vor allem zu sich selbst. »Klar, das Sucht-potenzial von Online-Spielen ist schon ziemlich hoch«, sagt Toby. »Aber der Großteil der Spieler, die ich kenne, kann gut damit umgehen. Die haben fast alle Freunde im richtigen Leben und gehen abends was trinken und so.

Leute wie ich sind da eher die Ausnahme.« Er macht eine kurze Pause. »Hey, ich bin vielleicht ein Freak, aber wenigstens renne ich nicht gleich in eine Talkshow.«

Flucht in die Online-Welt

Am Ende des Gesprächs wird allerdings auch Toby nachdenklich. »Manchmal frage ich mich schon, ob ich so weitermachen will.« Er hat keine konkreten Pläne, nur jene Träume, die er immer wieder auf später verschiebt. Abitur nachholen. Einen besseren Job finden. Und dann, irgendwann vielleicht, eine Familie.

»Ich weiß, das klingt ziemlich spießig«, fügt er schnell hinzu. Man spürt, dass ihm dieses Thema unangenehm ist. Ob er aufhören würde, wenn er es könnte, frage ich ihn zum Abschluss. Angenommen, er könnte mit den Fingern schnipsen und wäre los von »Evercrack«. Es dauert sehr lange, bis er antwortet. »Ich weiß es nicht«, sagt er leise. »Es ist alles, was ich habe.«

DER AUTOR
Jochen Gebauer ist 26 und studiert Amerikanistik, Anglistik und Philosophie. Zuvor schrieb er als Redakteur und freier Autor unter anderem für PC Games. Seit 2005 bereichert er PC PowerPlay mit seinen Reportagen und Features.

Quelle:
PowERPlAY | Mai 2005
www.pcpowerplay.de


Ich finde es absolut bewundernswert und mutig von einer namenhaften "Pro-Spieler" Zeitschrift so einen Artikel zu veröffentlichen, der sich meiner Meinung nach nicht aufs Glatteis begibt und auch keinerlei "Frontal 21" Allüren hat.

Leider kann ich aus meinen eigenen Erfahrungen nur sagen dass die Realität eher noch ein Zacken schärfer aussieht - wenn ich daran denke wie einige Spacken mit denen ich damals so gezockt habe so drauf waren Augen rollen

Da konnte es draussen noch so schönes Wetter haben - und die Freundin im Hintergrund noch so nörgeln - statt mal ins Grüne zu fahren und sich ein Eis reinzuziehen wurde lieber gezockt bis der Notarzt kommt...

Mit Lvl 60 wurde DEFINITIV ein neuer Charakter angefangen - ohne nachzudenken, ohne sich mal eine Auszeit zu gönnen - immer nur Hirnlos drauf zu - frei nach dem Motto "Real Life? NEIN DANKE!"

Wenn man sich die Lage Deutschlands - falls man z.B. neben WoW einmal pro Woche Zeit für die Tagesschau findet - so anschaut und mit dem im Artikel aufgezeigten Verhalten in Verbindung bringt und analysiert, dann wird einem echt schwarz vor Augen.

Wenn man ohne Freunde oder Arbeit oder aus sozialer Inkompetenz - oder sogar allen Faktoren zusammen, in virtuelle Scheinwelten abtaucht, um dort "jemand zu sein", der respektiert und geachtet wird und dort endlich mal "Freunde?" findet - dann kann das auf Dauer nicht gesund sein und zu nichts gutem führen...

Im Nachhinein kann ich nur sagen - das ich einigen "Mutanten" in dieser WoW "Community" im Grunde nur danken kann nach Lvl60 den Absprung geschafft zu haben.

Man hat wieder wesentlich mehr Zeit für Leben, Freundin und Freunde -- aber nee schon klar das haben ja "anscheinend" alle - genauso wie viele Leute ja auch "morgen" mit dem Rauchen aufhören "könnten", und wirklich nur "ein kleines" Bier am Feierabend - jeden Abend - trinken - nichts "besonderes" und jederzeit kann man "natürlich" sofort damit aufhören - sicher doch

Man hats ja gesehen, möchte nicht wissen wieviele ECHTE Freundschaften und Beziehungen WoW schon gekostet hat... verwirrt

Da lobe ich mir WIRKLICH Spiele wie BF und Konsorten oder auch viele RTS Games - man zockt so viele maps wie man Lust hat - ohne Leistungsdruck irgendwie was "verpassen" zu können oder den Anschluss zu verlieren - wenn man keinen Bock mehr hat, wechselt man den Server, spielt z.B. eine andere mod - oder geht mit seiner Freundin essen, ins Kino oder mit den Kumpels auf ein paar Bierchen in die Stadt! - ...Falls man noch welche hat... Augenzwinkern
*Wombat*
Interessanter Bericht, man kann ja selbst in der Online-Welt immer wieder fest stellen, das es viele Spieler gibt die süchtig oder nahe drann sind.

P.S: Ich glaube nicht, dass legal ist Artikel aus einem Heft zu scannen und öffentlich online zu stellen Augenzwinkern
SH|McPain
Mit Quellen und Autorenangabe - ja

Der Artikel ist ja über das Medium Zeitschrift bereits der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, aber so genau kenne ich mich da auch nicht aus
Scoti17
Also ich würede mal sagen das mein Bruder süchtig war.

aber seitdem er ne Freundin hat komme ich auch mal an den PC. *g*
SH|McPain
Immerhin ETWAS !!

Ich kenne Idioten MIT Freundinnen UND WoW - und die kommen nicht mal mehr an den Reißverschluss der Hosen ihrer Freunde wegen dem game!

Chill - dein Bruder setzt wenigstens die richtigen Prioritäten Augenzwinkern großes Grinsen
Scoti17
das schlimmste ist

ich hocke jetzt zuviel vorm PC Augen rollen

Naja wenigstens gehe ich am Wochenende gerne mal einen drinken (wohne ja in der Pfalz und seit etwa nem Monat Weinfest Saison angebrochen) *g*


Achja die Freundin von meinem Bruder hat sich kürzlich auch WoW geholt.
*Wombat*
Zitat:
Original von Scoti17
das schlimmste ist

ich hocke jetzt zuviel vorm PC Augen rollen


Ist bei mir genau das Gleiche...

Zitat:
Achja die Freundin von meinem Bruder hat sich kürzlich auch WoW geholt.


Weist du wass jetzt kommt?
Sie werden erst in WoW heiraten und dann zwei Wochen später im RL großes Grinsen
Scoti17
ne glaub ich net